Eberswalde will das Geschehen, das zum Symbol rechter Gewalt in Ostdeutschland wurde, nicht in Vergessenheit geraten lassen. In der Politik existiere der Wille, etwas zu tun, sagt Thorsten Kleinteich, Kreis-Geschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen. Seine Fraktion will die Straßenumbenennung im Stadtparlament beantragen. Alle Parteien wissen um den Symbolcharakter der Geste - umso mehr, da die Familie Antonios bis heute nicht die bereits 1990 vom Kreistag beschlossene finanzielle Hilfe für die Beisetzung erhalten hat.
Kleinteich sagt, die Menschen in Eberswalde hätten sich seinerzeit schwergetan, "mit der Situation umzugehen". Da niemand nachgehakt hätte, sei die Sache schlicht vergessen worden. Die Grünen wollen deshalb das Thema noch einmal aufgreifen und für die Mutter Antonios eine Hilfe von 5000 Euro beantragen. Die Initiative "Light me Amadeu" habe unabhängig davon 700 Euro für die Mutter gesammelt. Die Öffentlichkeit sehe das Problem heute anders, sagt Kleinteich.
Auch Jahns erkennt den Wandel in der Stadt. Die Straßenumbenennung werde in der Bevölkerung überwiegend akzeptiert, sagt er. Eine Bürgergesellschaft habe sich herausgebildet, eine "lebendige Stadt, in der ein offener Diskurs stattfindet". Stadt, Landkreis und das Land hätten zivilgesellschaftliches Handeln gefördert, finanzielle Hilfe sei auch von der Amadeu-Antonio-Stiftung und der Bürgerstiftung Barnim-Uckermark gekommen. Und dann habe es gute Ideen vor Ort gegeben: So konnte das Berliner Theater-Ensemble Label Noir als Pate des Eberswalder Gymnasiums Finow eingebunden werden. Wichtig war auch die Gründung des Afrikanischen Kulturvereins Palanca e.V. im Jahre 1994. Der Verein trug dazu bei, dass Angolaner und andere afrikanisch-stämmige Menschen in Eberswalde eine Anlaufstelle haben, die im Eberswalder Alltag präsent ist.
Dass dies nicht selbstverständlich ist, zeigt der Fall des Ausländerbeauftragten Schwedts, Ibrahimo Alberto. Er verließ vor einigen Wochen die Stadt in der Uckermark nach vielen Jahren des Kampfes gegen Rassismus mit dem Vorwurf, nicht nur er sei nach wie vor Opfer von rassistischen Übergriffen und Beschimpfungen. Die Situation habe sich trotz seines Engagements nicht grundlegend verbessert.
Im Gegensatz dazu sieht Toleranz-Koordinator Jahns die Stadt Eberswalde als ein Erfolgsmodell, jedenfalls für die Region und Brandenburg. Doch auch hier sei nicht alles bestens, sagt er. Dass nichts passiert, bedeute schließlich nicht, dass es keine Probleme gibt.
Jahns verweist auf die Neonazis, die als "Autonome Nationalisten" auch in Eberswalde erhebliche Anziehungskraft auf Jugendliche und Studenten der Fachhochschule ausüben. Im Nachbarort Finowfurt soll am 1. Oktober diesen Jahres sogar der "Preußen-Tag", eine NPD-Veranstaltung, stattfinden. Und wie überall sind auch in Eberswalde viele Menschen einfach desinteressiert. "Wir müssen immer in Bewegung bleiben", sagt Jahns. "Es muss immer etwas passieren."
So wie jetzt die Straßenumbenennung. Widerstand wird es bei den Abgeordneten kaum geben.
Quelle: Berliner Zeitung

