Piepegal ist keine Meinung
Im Kinderrechte-Dorf lernen Acht- bis Zwölfjährige, sich für ihre Interessen einzusetzen
Von Ines Wallrodt
Als erstes hört man laute Kotzgeräusche. Sie kommen von einem Kind, das ein sich übergebendes Känguru imitiert. Ein anderes hüpft auf der Stelle – es ist ein Toaster. Und bei der Waschmaschine drehen sich Kopf und Oberkörper wie verrückt im Kreis. Ein Morgen im Ferienlager für Kinderrechte und Demokratielernen. Der Spaß steht im Vordergrund, auch wenn Kinderrechte für Erwachsene vielleicht theoretisch klingen mögen. Wo Kinder das Sagen haben, gibt es eher mehr als weniger Spaß.
Kaum einer hier weiß überhaupt etwas mit dem abstrakten Wort anzufangen: Marc zuckt mit den Schultern und redet dann von Tischtennis und Trampolin. Und Jolanda hat zwar Antworten, aber die hat sie aus den Glückskeksen, in denen hier eben Zettel mit Kinderrechten eingebacken sind. Wichtiger als die Theorie ist die Praxis. Und die wird zehn Tage lang gelebt im Kinderrechte-Dorf im brandenburgischen Bad Freienwalde. In den Arbeitsgruppen, im Familien- und Dorfrat. »Hier können die Kinder entscheiden. In der Schule sind es immer die Lehrer«, sagt die zwölfjährige Samira.
Die Mädchen und Jungen wuseln über den von hohen Eichen beschatteten Platz. Samira balanciert mit einem Teller auf einem Band, zwei Jungs schleifen große Holzstöcke glatt, Kinder halten sich gegenseitig Mikros vors Gesicht und schwenken mit der Kamera auch mal auf die echten Reporter vom RBB, die an diesem Tag vorbeischauen. Normaler Ferienalltag, der allerdings auf nicht ganz alltägliche Weise zustande kommt. Denn Mitbestimmen muss erst mal gelernt werden. Kinder sind von Schule und Eltern meist gar nicht gewohnt, mit ihren Vorschlägen ernst genommen zu werden. In der Film-Arbeitsgruppe wird beraten, was heute gedreht werden soll.
Antidiskriminierungsmaßnahmen im Amateurfußball - eine Handreichung
Anlässlich des 3. Präventionstages des Berliner Fußball-Verbandes e.V. (BFV) der am 27.06.2010 unter dem Motto “Fairplay im Fußball – gegen Gewalt und Rassismus” stattfand, veröffentlichen der BFV und der Verein für Demokratische Kultur e.V. (VDK) eine gemeinsame Publikation zu Antidiskriminierungsmaßnahmen im Berliner Amateurfußball.
Der Berliner Fußball-Verband e.V. ist seit Jahren auf verschiedenen Ebenen gegen Rassismus und Diskriminierung im Fußball aktiv. Um dieses Engagement breiter im Verband zu verankern entstand in Zusammenarbeit mit dem Verein für Demokratische Kultur in Berlin e.V. das Konzept, Fortbildungen für Schiedsrichter/innen, Sportrichter/innen und ehrenamtlichen Helfer/innen in den Vereinen anzubieten. Ziel dieser Fortbildungen, die 2008 und 2009 durchgeführt wurden, war es, die Handlungssicherheit der Beteiligten im Umgang mit verschiedenen Formen von Diskriminierung zu erhöhen.
In der jetzt veröffentlichten Broschüre: “Dieses Spiel dauert länger als 90 Minuten” wird das so entstandene gemeinsame Projekt „Antidiskriminierungsmaßnahmen im Berliner Amateurfußball“ vorgestellt. Dargestellt werden Konzeption und Umsetzung der einzelnen Fortbildungsmodule sowie eine allgemeine Einschätzung zur Bedeutung des Themas für den Berliner Amateurfußball und seine Aktiven.
Die Handreichung kann beim VDK angefordert werden (info[ät]vdk-berlin.de) und steht hier zum Download bereit.
Quelle: mbr Berlin
Neonazis auf Strümpfen oder Beispielhaftes aus Bernau
Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt, wie Demokratie sich am besten schützt. Ziel aller Initiativen müsse es sein, mehr Mitbestimmung und Toleranz in den Alltag einziehen zu lassen.
Von Volker Schmidt
Ein rechter Schläger auf Strümpfen vor Gericht. Ein Haus, in dem Juden, Christen und Muslime miteinander reden, kochen und essen. Ein Infocontainer vor einem Laden der bei Rechtsextremen beliebten Kleidermarke Thor Steinar: Das sind drei Beispiele für erfolgversprechende Ansätze in der Bekämpfung von Rechtsextremismus, meint der Magdeburger Sozialwissenschaftler Roland Roth.
Roth hat im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung ein Gutachten mit dem Titel "Demokratie braucht Qualität" (PDF-Dokument) verfasst, das am Montag in Berlin vorgestellt wurde. Er hat Beispiele aus den "Handlungsfeldern" Staat, Zivilgesellschaft und Wirtschaft zusammengetragen und daraus "Gelingensfaktoren" zu destillieren versucht.
Roth empfiehlt unter anderem Polizei und Justiz, Rechtsradikalen keine Sonderbehandlung angedeihen zu lassen, aber alle gesetzlichen Mittel auszuschöpfen. Richter sollen rassistische Motive thematisieren, die Polizei soll verhindern, dass rechte Schläger "Angsträume" schaffen.
Ein Beispiel ist der Jugendrichter Andreas Müller vom Amtsgericht Bernau in Brandenburg: Müller stuft Springerstiefel als Waffen ein, lässt einen Neonazi schon mal ohne Schuhe vor Gericht stehen und macht die Auflage zum Teil des Urteils, auch im Alltag die Stiefel nicht zu tragen. Müller verurteilt Gewalttäter schnell; rassistische Motive verschärfen das Strafmaß - trotzdem ist er kein "Richter Gnadenlos"; er lehnt ein schärferes Jugendrecht ab. Dafür verdonnert er Verurteilte zum Beispiel dazu, in pädagogischer Begleitung eine KZ-Gedenkstätte zu besuchen.
Bündnis "Brandenburg Nazifrei" gegründet
Unter dem Namen „Brandenburg Nazifrei“ hat sich ein Bündnis gegründet, mit dem Ziel sich rechtsextremistischen Aufmärschen entgegenzustellen. Näheres dazu findet sich in einem Aufruf des Bündnisses, den bereits 150 Organisationen und Einzelpersonen unterzeichnet haben. Dazu gehörten neben Brandenburger Politikern auch Gewerkschaften, Vereine, Jugend- und Studenteninitiativen, Kirchengemeinden und Künstler.
Das Bündnis mobilisiert insbesondere gegen geplante Aufmärsche der neonazistischen „Kameradschaft Märkisch Oder Barnim“ (KMOB). Ab 29. Mai bis 10. Juli will die KMOB den Angaben zufolge jedes Wochenende in den Landkreisen Barnim und Märkisch-Oderland demonstrieren. Unter dem Motto „Kein Ort für rechte Propaganda“ will sich das Bündnis „Brandenburg Nazifrei“ den Rechtsextremisten in Bernau, Eberswalde, Bad Freienwalde, Strausberg, Joachimsthal, Biesenthal und Manschnow entgegenstellen.
Im Aufruf heißt es dazu: „Wir sind bunt, und wir stellen uns den Nazis in den Weg. Von uns wird dabei keine Eskalation ausgehen.“ Das Bündnis wolle auf vielfältige Aktionen wie Straßenfeste, Demonstrationen, Sitzblockaden sowie „andere kreative Formen des zivilen Ungehorsams“ setzen, sagte die Sprecherin. Der 1. Mai in Berlin habe gezeigt, wie erfolgreich organisierte Massenblockaden gegen rechte Aufmärsche funktionieren können.
Mehr dazu hier.
Sportvereine gegen Rechtsextremismus
Die Deutsche Sportjugend und die Brandenburgische Sportjugend wollen Vereine und Verbände im Umgang mit Rechtsextremismus künftig noch stärker unterstützen. Der Ratgeber "Vereine & Verbände stark machen" bietet dazu Informationen und konkrete Tipps.
Immer wieder versuchen Neonazis den Sport für ihre Zwecke zu missbrauchen. Zuletzt sorgte der Abbruch des Bezirksklassespiels Roter Stern Leipzig - Sportverein Mügeln-Ablaß am 24. April 2010 für Schlagzeilen. Zuschauerinnen und Zuschauer hatten Nazi-Parolen gebrüllt, wie in einem youtube-Video zu hören ist. Solche Vorfälle sind nicht die Regel, aber für Sportvereine und -verbände sind rechtsextreme Erscheinungen eine drängende Herausforderung. "Der organisierte Sport muss sich in diesem Punkt eindeutig positionieren", fordert Andreas Kurz, Vorsitzender der Bundessportjugend.
In der im März 2010 im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus vorgestellten Broschüre wird über rechtsextreme Symbole und Codes aufgeklärt und es wird die Bedeutung des Sports für rechtsextreme Gruppen dargestellt. Ausführlich werden verschiedene Strategien zum Umgang mit rechtsextremen Erscheinungen in den Vereinen und bei Fans diskutiert; Projekte und Maßnahmen, die sich in den vergangenen Jahren bewährt haben, werden vorgestellt. Das Heft enthält auch Anregungen zu Satzungsergänzungen und Formulierungsvorschläge für Mietverträgen von Sporträumen.
Die Broschüre wird unter www.dsj.de/publikationen zum Download angeboten und kann in einer Druckversion kostenlos unter 033205 204808 oder per Mail unter n.haberlandt@sportjugend-bb.de bestellt werden.
Quelle: Aktionsbündnis Brandenburg
Neuer Verfassungsschutzbericht erschienen
Vergangene Woche wurde in Potsdam der Verfassungsschutzbericht 2009 für Brandenburg vorgestellt. An etlichen Stellen werden darin auch die Rolle und Verfasstheit des NPD-Kreisverbandes Barnim Uckermark und der Kameradschaft Märkisch Oder Barnim (KMOB) dargestellt. So lassen sich beispielsweise enge Verbindungen des Barnimer NPD-Kreisverbandes zu den so genannten freien Nationalisten nachvollziehen. Das Anwachsen dieser Szene und ihre eindeutige Wesensverwandtschaft mit der NS-Ideologie des Dritten Reichs stellen laut Aussage der Herausgeber sowohl die Zivilgesellschaft als auch die Sicherheitsbehörden vor neue Herausforderungen. Besonders bemerkenswert: für die Bewältigung dieser, wird der kommunalen Ebene eine wachsende Bedeutung zugeschrieben.
Zossen: Haus der Demokratie niedergebrannt
In der Nacht vom 22. auf den 23. Januar brannte das »Haus der Demokratie« in Zossen vollkommen nieder. Der Brand wurde gegen 23 Uhr entdeckt. Im Lauf der Nacht entschied die Feuerwehr, das Haus kontrolliert abbrennen zu lassen. Laut Polizei besteht der Verdacht auf Brandstiftung.
Nach Angaben der Bürgerinitiative »Zossen zeigt Gesicht« sollen sich gegen 23.30 Uhr Neonazis der Freien Kräfte Teltow-Fläming vor dem Haus eingefunden haben, die sich dort gegenseitig vor dem brennenden Gebäude fotografierten.
Das Gebäude in der Kirchstraße wurde seit September 2009 von der Bürgerinitiative »Zossen zeigt Gesicht« genutzt, welche sich zusammengefunden hatte, um in der Stadt die Etablierung fester Neonazi-Strukturen zu verhindern. Schon wenige Tage nach Eröffnung wurde das Haus mit rechten Parolen beschmiert und Aufkleber der Freien Kräfte Teltow-Fläming hinterlassen. Einen Monat später traf es den Sprecher der Bürgerinitiative. Mit großflächigen Farbschmierereien an seinem Haus wurde ihm mit dem Tod gedroht. Erst am vergangenen Wochenende waren erneut an seinem Haus Scheiben eingeworfen worden, bei einem weiteren Mitglied wurde der Briefkasten zerstört und an einem Buchladen ein Böller gezündet.
Inzwischen hat der Träger des Hauses einen Spendenaufruf veröffentlicht. Damit soll sichergestellt werden, dass die Arbeit der Bürgerinitiative bald wieder fortgesetzt werden kann. Der Sachschaden wird auf mindestens 200.000 Euro geschätzt.
Quelle: Opferperspektive e.V.
Informativ und hilfreich - drei (neue) Publikationen
"Projektbeantragung leicht gemacht. Eine Handreichung für aktive Migrantenselbsthilfeorganisationen"
Fast jeder, der ehren- oder hauptamtlich in Nichtregierungsorganisationen engagiert ist, stand schon einmal vor dem Problem: Es wurde eine gute Idee entwickelt, mit der sehr viel erreicht werden kann, aber es sind keine Gelder zur Umsetzung vorhanden. Eine Möglichkeit der Finanzierung ist die Projektfinanzierung über öffentliche Mittel. Allerdings sind hier bestimmte formale Voraussetzungen zu erfüllen. Diese Handreichung soll dazu dienen, einen kurzen Überblick über die Möglichkeiten der Projektfinanzierung zu bieten.
"Handbuch zur Öffentlichkeitsarbeit"
Das Redaktionsbüro Vielfalt hat ein PR-Handbuch für das Bundesprogramm "Vielfalt tut gut" erstellt.
Hier finden Akteure der Lokalen Aktionspläne vielfältige Hinweise zum Thema Öffentlichketisarbeit. Die Zusammenstellung, die online zur Verfügung steht, ist auch für Alle hilfreich, die über die Lokalen Aktionspläne hinaus aktiv sind.
"Es wächst nicht einfach Gras darüber" - eine Studie des Bundes der Deutschen Landjugend zu Rechtsextremismus in den ländlichen Räumen
Noch aus dem letzten Jahr und ungeheuer interessant ist die neue Studie und Arbeitshilfe zu Rechtsextremismus in ländlichen Räumen, erarbeitet von Prof. Dr. Titus Simon von der Hochschule Magdeburg-Stendal.
Einerseits beschreibt die Studie die aktuelle Situation in den ländlichen Räumen, die besondere Kristallisationspunkte für rechtsextreme Strukturbildungen und Aktivitäten darstellen. Im Detail werden die ländlichen Erscheinungsformen des Rechtsextremismus in den 13 Flächenbundesländern beleuchtet, wobei klar wird, dass Rechtsextremismus weder ein spezifisches Ostproblem, noch ein spezifisches Jugendproblem ist.
Darüber hinaus werden Handlungsmöglichkeiten, erfolgreiche Modelle und konkrete Bratungsmöglichkeiten vorgestellt, die von allen demokratischen Akteur/innen in den ländlichen Räumen umgesetzt werden können, um sich dem Rechtsextremismus gezielt und mit vereinten Kräften in den Weg zu stellen.
Generation 50plus aktiv im Netz gegen Nazis
Wie kann ich im Internet gegen Rechtsextremismus aktiv werden?
Wie erkenne und begegne ich neonazistischen Argumentationen?
Wie kann ich meine Lebenserfahrung für Demokratie einsetzen und Jugendliche erreichen?
Antworten auf diese Fragen bietet das Projekt "Generation 50plus aktiv im Netz gegen Nazis" der Amadeu Antonio Stiftung. Im Rahmen der "Woche des bürgerschaftlichen Engagements" startet das Projekt mit dem Ziel, durch Workshops älteren Menschen das Internet näherzubringen, sie über die aktuellen Formen des Rechtsextremismus aufzuklären und sie zum Engagement gegen Neonazis im Internet zu motivieren.
Schirmherr des Projektes ist Bremens Bürgermeister a.D. Dr. Henning Scherf. Er sagt: "Ältere Menschen besitzen einen vielfältigen Erfahrungsschatz. Gerade sie können rechtsextremen Sprücheklopfern ihre Grenzen aufzeigen und deren Parolen entlarven. Allerdings fehlt der Generation 50plus oftmals der Zugang zu den jungen Menschen, deren Leben zunehmend auch im Internet stattfindet. Den älteren Menschen fehlt die Kenntnis auch über die Alltagserfahrungen der Jugendlichen mit den modernen Nazis. Das Internet ist der ideale Ort für einen Austausch der Generationen und für den gemeinsamen Kampf gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus".
Lesetipp: Das Phantom von rechts
DVU und NPD haben den so genannten "Deutschlandpakt" aufgekündigt und treten bei den Wahlen im September gegeneinander an. Aus ehemaligen Verbündeten sind Rivalen geworden, die, folgt man den Ergebnissen der Europawahl, um einen ohnehin mageren Stimmenanteil konkurrieren. Denn entgegen den Entwicklungen in anderen Europäischen Ländern, in denen rechtspopulistische und nationalistische Parteien erhebliche Erfolge verbuchen konnten, gelingt es NPD und DVU nicht, Wählerklientel längerfristig an sich zu binden.
Ursächlich dafür ist leider nicht mangelnder Zuspruch der Wählerinnen und Wähler zu recht(sextrem)en Positionen, sondern eher innerparteiliche Querelen, unqualifiziertes Personal und notorisch leere Kassen. Immer wieder steht deswegen die Idee der Gründung einer rechten Partei im Raum, die für Rechtspopulisten, Rechtsextreme und Wertkonservative gleichermaßen wählbar wäre. Wie realistisch das ist und ob eine solche Partei aktuell Erfolg hätte, darüber hat sich Richard Gebhardt in der Jungle World Gedanken gemacht.










